Ein (fast) normales Leben

Mit Prothese zur Freiheit

Wed, 2. Jun. 2021

Viele Rückschläge, bleibender Optimismus: Als bei Monika Schmidt ein Tumor im Knie entdeckt wird, lässt sie sich nach längerem Hin und Her das Bein amputieren. Doch Lebensqualität hat die 39-Jährige damit nicht verloren. Und sie hilft anderen, die in einer ähnlichen Situation sind.

Monika Schmidt - 39 Jahre
„Ich bin die Frau Monika Schmidt. Ich bin seit 2009 an Krebs erkrankt. Das hat man eigentlich mehr oder weniger in so einer Nebendiagnose festgestellt, weil sich nach der Geburt meiner Tochter das Knie unwahrscheinlich errötet und erdickt hat. Ja das war mehr oder weniger ein Schockerlebnis. Zu hören, gut du hast deine Tochter gerade auf die Welt gebracht und jetzt so eine hammer Krankheit – da war für mich irgendwo der Abgrund vor Augen. Aber trotz alldem habe ich mich durchgebissen durch Chemo, Bestrahlung und Hyperthemie. Habe dadurch auch massiv zugenommen. Durch viele Infektionen in der Wunde und im Bein direkt bin ich dann auch im Rollstuhl gelandet und habe massiv zugelegt und habe mich dann 2013 bewusst für die Amputation entschieden. Aus dem einfachen Grund: Es war kein Leben mehr so im Rollstuhl mit drei Kindern. Ich konnte nichts mehr tun. Ich war immer auf Hilfe angewiesen, konnte mit meinen Kindern keine Ausflüge machen. Das schlimmste an der Sache: Meine eigene Mobilität war so eingeschränkt, dass gar nichts mehr ging. Und deshalb habe ich mich bewusst dafür entschieden und habe mich 2013 amputieren lassen und habe dann den Weg zurück ins Leben gefunden mit der Prothese. Und das war eigentlich die beste Entscheidung meines Lebens. Ich habe seither mein Gewicht massiv reduziert mit über 60 Kilo Abnahme und habe in einer ehrenamtlichen Tätigkeit Fuß gefasst, wodurch viele profitieren aufgrund meiner Geschichte. Ich habe viele Medikamente in Eigenregie abgesetzt und auch durch meinen Lebensgang ermutige ich andere Menschen diesen Weg auch zu gehen. Weil es lohnt sich.“

„Die Prothese gibt mir insofern Lebensqualität, dass ich mein Leben einfach selbst wieder beschreiten kann. Ich muss nicht ständig rufen: Kannst du mir mal das bringen, kannst du mir mal das holen, kannst du mich mal dahin fahren? Ich nehme meinen Autoschlüssel, gehe zum Auto, steige ein und fahre los. Und das ist Freiheit. Das ist Leben. Wenn meine Kinder fragen ‚Mama wollen wir heute mit dem Hund an den Baggersee?‘ Klar, geht! Kein Thema. Hund einpacken, Kinder einpacken, auf geht’s. Das ist einfach leben und nicht eingesperrt sein in vier Wänden, im Rollstuhl.“

„Den größten Halt haben mir meine Kinder gegeben, weil ich mir immer vor Augen gehalten habe, wie es zu meiner Zeit war. Ich war damals 14 als meine Mutter an Gebärmutterhalskrebs verstorben ist. Das kam mr immer wieder vor Augen. Und ich habe mir selbst gesagt, ich möchte meinen Kindern so ein Vorbild sein, um ihnen einfach zu zeigen, dass man durch Stärke und Willen alles erreichen kann. Und ihnen auch einfach die Kraft geben und die Ermutigung dazu, zu kämpfen. Und dass sie sehen, dass ihre Mutter kämpft für sie. Dass wir zusammenleben können und einfach auch Zeit miteinander verbringen können.

„Ich habe mein Leben nur mit Rollstuhl verbracht. Und ja die Flexibilität auch in der Stadt Coburg und allgemein im Landkreis Coburg ist mit Rollstuhl sehr schwierig. Und man ist auch sehr eingeschränkt. Und dadurch, dass ich auch drei Kinder habe, habe ich gesagt, irgendetwas muss ich in meinem Leben verändern und habe dann nach Alternativen gesucht. Und die Alternative war dann, dass ich in die Firma Haas gegangen bin und gesagt habe – also da war ich ja noch mit zwei Beinen – Ich möchte mit gern erkundigen, wie es mit Prothesenversorgung aussieht. Und so kam ich dann zur Amputation, dass ich wirklich gesagt habe ich will das jetzt haben.“

Haas
„Es ist schon eine sehr seltene Angelegenheit oder Vorgehensweise vom Patienten einfach. Es gibt aber trotzdem viele, die sich mit dem Thema Amputation beschäftigen. Schon bevor das Bein weg ist. Und Frau Schmidt war eine der Personen.“

„Diese unzähligen Schäfte die wir gebaut haben, immer wieder Rückschläge mit ihren Operationen, mit ihren Problematiken, die dann gesundheitlich noch aufgetreten sind, muss ich einfach absolut meinen Hut davor ziehen. Wenn Sie mich jetzt fragen, ob es einen vergleichbaren Menschen mit der Willensstärke gibt, kann ich jetzt aus dem Stehgreif keinen aufzählen.“

Monika Schmidt
„Ich fühle mich bei der Firma Haas sehr aufgehoben, aufgrund dessen, weil einfach die Flexibilität gegeben ist, sie gehen auf einen ein. Wünsche und Bedürfnisse werden weitestgehend so wie es auch in der Technik möglich ist, auch vorm Orthopädietechniker umgesetzt. Ich kann ihm genau definieren, was ich haben will und was ich auch für den Alltag benötige. Das versucht er weitestgehend so umzusetzen. Ohne ihn geht gar nichts, also ohne ihn wäre ich nie so weit gekommen. Es ist einfach ein Begleiter den man nicht missen kann.“

„Das ist Wahnsinn, was einem da zurückgegeben wird. Ich bin vorher kein Auto gefahren, ich habe nur im Rollstuhl gesessen. Mein ganzes Leben hat sich eigentlich nur zuhause abgespielt. Und jetzt im Nachhinein: Ich führe die Selbsthilfegruppe, ich habe mit vielen Leuten Kontakt. Ich bin selbst viel draußen. Es ist einfach ein normales Leben. Nicht ein eingeschränktes Leben – es ist ein normales Leben.“

„In der Selbsthilfegruppe gibt es viele Tipps und einfach Hilfe da, wo man sie braucht. Wo halt staatlich keiner da ist, wo der Anwalt nicht da ist, wo die Familie nicht da sein kann. Das deckt einfach die Selbsthilfegruppe ab, wo ich sage, die können einfach mehr, als eben Standard ist. In vielen Dingen ist man sehr alleine.“

"Ich kann eigentlich jedem nur den Rat geben, den Kampf nie aufzugeben. Weil wenn man den Kampf aufgibt, hat der Krebs gewonnen. Und das ist für mich ein absolutes no go. Ich kämpfe dagegen an, Tag für Tag. Auch mit Schmerzen. Auch wenn es mir nicht gut geht, stehe ich auf und kämpfe, weil ich einfach sage: du packst mich nicht. Ich will leben, ich will mein Leben genießen, ich will mit meinen Kindern noch Zeit verbringen. Meinem Hobby nachgehen, mit meinen Hunden, also mit meiner Rotti-Dame spielen, fetzen. Ich will einfach noch etwas von der Zeit mitbekommen und vor allem sehen, wie meine Kinder groß werden."

"Bitte nicht aufgeben, ihr habt so viel, was ihr noch erleben könnt. Es ist so schön, raus zu gehen, die Natur zu genießen. Das Leben einfach zu genießen."

 

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